Fahrbericht EVUM aCar

Spartanische Ausstattung, aber langlebig und anspruchslos: Das aCar entstand aus einer Afrika-Projektarbeit zweier TUM-Absolventen.
© Foto: Evum Motors

Was früher der Esel, das Kamel oder der Ochse, kann das EVUM aCar heute besser: Der elektrische Allradler fürs Grobe darf mit 1000 kg Nutzlast schnurren, zusätzlich im gebremsten Hänger eine weitere Tonne ziehen. Wir haben das Arbeitsgerät nördlich von München gefahren.


Datum:
13.10.2021
Autor:
Gerfried Vogt-Möbs
Lesezeit: 
10 min

2 Kommentare

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Spartanisch wirkt der aCar, aber auch funktionell. Schmal, die Kunststoffkarosserierung erinnert ans Boxauto vom Kirmes – wäre da nicht der Typ 2-Ladestecker und kein Blech an Radkkasten, Fahrerkabine und Front, sondern durchgefärbtes Duroplast. Hinter dem Lenkrad erwartet dem Fahrer keine Spur von Komfort, auch keine Schalthebel und elektronische Annehmlichkeiten, sondern funktionelle Kippschalter-Duette, obendrüber ein übersichtliches Achteck-Einzellinstrument mit integrierter Reichweitenanzeige, Fahrmodiangabe und Fahrtrichtungsanzeige. Die Schiebefenster erinnern an wohlbekannte Alltagsfranzosen der Siebzigerjahre, ebenso die schmucklosen Griffmulden der Türen – sie verlangen einen kräftigen Händedruck, den die Fahrer und Besitzer des aCar – Gärtner und Kleingewerbetreibende – ja zweifelsohne besitzen. Ein kurzer Druck auf das „D“ am Kippschalter, die konventionelle Handbremse lösen und das „Gas“pedal nach unten treten – der aCar zuckt nach vorn, aktviert seine 20/28 kW – nicht zackig, aber recht behende bis auf erlaubtes Stadttempo hier in Dachau. Dann kommt das Ortsendeschild, und ab 60 wird es freilich etwas zäh, doch selbst bei 70 km/h erfreut den Fahrer ein Vortrieb, der sich akustisch nur durchs Abrollgeräusch bemerkbar macht.

Fahrwerk: Deutsche Komponenten

Ob Garten- und Landschaftsbau,  Forstwirtschaft oder kommunale Einrichtung – Blattfedern dominierten an der Hinterachse jahrzehntelang an den dort üblichen Kleinlastern. Auch beim Prototyp der beiden Firmengründer, der 2015 in Afrika-Alltrag bewegt wurde, wie den beiden ersten Vorserienfahrzeugen war die übliche, weitgehend dämpfungsfreie Achsaufhängung noch Standard, dann wurde Radaufhängung und Rahmenprofil geändert, was den Komfort hinter der Fahrerkabine deutlich erhöht. Schrägt angelenkte 19-318042-Dämpfer von Bilstein sorgen dort in der aktuellen Ausführung für Ruhe und guten Radkontakt mit dem Untergrund.

Die Idee: Fahren aber ohne Sprit

Transport und Mobilität in Afrika – wie geht das? Die Lösung dieses Problems hatten sich Sascha Koberstaedt und Martin Šoltés auf die Fahne geschrieben. Beide TUM-Absolventen untersuchten 2013 im Rahmen ihrer Promotion, wie eine mögliche Lösung im ländlichen Afrika aussehen könnte. Strom war dort überraschenderweise eher verfügbar als Benzin oder Diesel – so entstand zwei Jahre später das Forschungsprojekt aCar mobility, dessen ersten Zwischenstopp 2017 die Vorstellung des elektrischen Allradlrers auf der IAA als einen ersten Meilenstein markierte – und zur Firmengründung führte, was folglich eine mögliche Serienproduktion und konsequente Weiterentwicklung implizierte.

Die entstand im niederbayerischen Bayerbach, wo laut Ruben Gonzalez, dem neuen Leiter der EVUM MOTORS Vertrieb und Marketing, derzeit fünf Fahrzeuge pro Woche vom Band rollen. Glück für die beiden Firmengründer – einer der ersten Investoren, Autozulieferer Otto Spanner, verfügte dort über ein passendes Gelände und das Knowhow, um eine Prodktion zu planen und mit aufzubauen. Die Wirtschaftlichkeit des aCars beruht gezielt auf geringer Komplexität und optimiertem Nutzen. So entschied man sich beim aCar auch in der Serie für eine in der E-Mobiliät vergleichsweise niedrige 48 V-Spannung. Zwei Motoren sind die Basis für den permanenten Allrad-Antrieb. Das aCar kann an jeder Steckdose geladen werden, bietet in seiner hier gefahrenen First Mover Edition mit einer Kapazität von 16,5 kWh eine Reichweite von bis 100 km.


EVUM aCar

Bildergalerie

Zunächst zu ersten Punkt: Das aCar misst samt Ladefläche 4 m, ist nicht ganz 2 m hoch und – das ist besonders wichtig – nicht mal 1,6 m breit. Damit sind auch schmale Wald- und Forstwege passierbar, und KEP-Fahrer, die beispielsweise in Altstädten mit engen Gassen und Treppenübergängen zu kämpfen haben, wären mit dem aCar, der auch mit festem Aufbau bestellt werden kann, aus dem Schneider, besonders wenn es steil wird. Des weiteren erlaubt der Wendekreis von unter 10 m und der Allradantrieb ein problemloses Durchkommen ohne Aufsetzer und gewagte Lenkmanöver. Die jetzt eingebauten neuen Asynchron-Motoren bieten 140 Nm, damit darf das grüne Arbeitstier eine ganze Tonne transportieren, eine weitere im gebremsten Hänger hinterndran ziehen. Was brav und behende klappt, dank 16-Zollrädern und einer Bodenfreiheit von über 20 cm und tiefem Schwerpunkt, wofür letztendlich der Akku sorgt. Ist das große Batteriepack an Bord, sollen gar bis zu  200 km möglich sein. Für externe Arbeiten gibt es am Fahrzeugheck eine Steckdose. Auch an die Wiederaufladung der Akkus mit Dach-Photovoltaik wurde gedacht hat, schneller geht es freilich an der Typ-2-Ladesäule – mit 3,3kW Ladestrom ist der Akku nach 6,5 Stunden wieder voll. Auch an eine Rekuperation, die im Schubbetrieb den Antriebsmotor als Generator einsetzt, wurde gedacht, sie ist aber nicht mehrstufig ausgelegt. Heizung und Lüftung funtionieren mithilfe von Bio-Ethanol, ein kleiner Tank sitzt rechts hinter der Fahrerkabine.

Zukunftsmusik mit Struktur

Nicht zu letzt dank neuer Investoren und frischem Kapital hat sich bei EVUM seit Mitte 2020 einiges getan. Der neue Vertriebs- und Marketingleiter hat seine Fühler nun auch in Ausland gestreckt, als Spanier freilich hat er auch zu den dortigen Unternehmen und Verbänden einen guten Draht. Eine Jahresproduktion vom 1500 Fahrzeugen sind bei EVUM mittelfristig geplant, das Doppelte als langfristiges Ziel gesetzt. „Wir wollen wachsen, aber langsam, geordnet und mit System“, erklärt Gonzalez. Angepeilt sei außerdem, so verriet beim Pressetermin Joachim Glatthaar, Unternehmer aus Schramberg und ebenfalls Investor der ersten Stunde, auch eine Produktion in Süden Afrikas, um die dortigen Staaten Zimbabwe, Botswana und Namibia mobiler zu machen – back to the roots, sozusagen. Im Frühjahr 2022 sollen erste Fahrzeuge verschifft werden, dann vor Ort zerlegt und weitere Schritte eingeleitet.

 

 

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KOMMENTARE


Hans-Peter Thomas

26.10.2021 - 18:13 Uhr

Quadratisch,praktisch,Gut! Absolut ein FZG in die richtige Richtung! Der Nutzwert spricht für sich! Natürlich müsste es sich im gelebten Alltag noch beweisen! Fazit: Ich würde mir daß FZG wohl kaufen so ich Bedarf dafür hätte! Chapeau! Weiter so! Thomas


Jensen

28.10.2021 - 20:44 Uhr

Ausreichend.. Vielleicht auf 80 km h erhöhen.. Ich würde einen nehmen


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