Interview: Stellantis-Deutschland-Chef Amaury de Bourmont zur Elektro-Strategie

Seit einem halben Jahr leitet Amaury de Bourmont das Deutschland-Geschäft von Stellantis
© Foto: PSA

Der Stellantis-Konzern hat das erste halbe Jahr seit seiner Gründung ordentlich abgeschlossen. Wie sieht die künftige Strategie, insbesondere im Bereich der E-Mobilität, aus? Diese und einige weitere Fragen hat der Deutschland-Chef, Amaury de Bourmont, im Interview beantwortet:


Datum:
02.09.2021
Autor:
Ralph Meunzel / Fabian Faehrmann
Lesezeit: 
6 min

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netzwerk A: Herr de Bourmont, die Autoindustrie steht verstärkt unter Strom. Wie stellen sich die 14 Brands der Markenwelt von Stellantis im BEV-Bereich auf? Bekannt ist unter anderem, dass Opel bis 2028 voll elektrisch wird. Es gibt mindestens zehn neue Modelle auf vier E-Mobil-Plattformen, die 30 Milliarden Euro kosten sollen.

Amaury de Bourmont: „Klar ist, dass die Zukunft der Mobilität elektrisch ist. Wir wissen, dass die Mehrheit unserer Kunden umweltfreundliche Autos haben möchte. Alle Stellantis-Marken haben sich daher der Elektrifizierung verschrieben und wollen die besten voll elektrifizierten Lösungen ihrer Klasse anbieten. Das haben wir auf dem EV Day von Stellantis am 8. Juli deutlich gemacht. Schon 2030 werden mehr als 70% unserer in Europa verkauften Pkw emissionsarme Fahrzeuge sein – basierend auf neu entwickelten Plattformen mit Reichweiten von bis zu 800 Kilometern. Und auch beim Fahrzeugangebot stellen wir uns dieser Aufgabe: Schon Bis 2025 werden 98% der von Stellantis in Europa angebotenen Fahrzeugmodelle elektrifiziert sein. Da machen wir aber nicht Schluss, sondern sehen Elektromobilität ganzheitlich. Deswegen werden wir auch bessere Batterien entwickeln und produzieren, treiben die Entwicklung der Schnellladeinfrastruktur mit voran und bieten unseren Kunden Mobilitätsdienstleistungen an. Unsere Elektrifizierungs-Pläne erstrecken sich über die gesamte Wertschöpfungskette. Von besonderer Bedeutung ist daher auch, dass wir Absichtserklärungen mit zwei Lithium-Geothermie-Sole-Prozess-Partnern in Nordamerika und Europa unterzeichnet haben. Dadurch wollen wir eine nachhaltige Versorgung mit Lithium gewährleisten, denn Lithium wurde als der kritischste Batterie-Rohstoff in Bezug auf die Verfügbarkeit identifiziert.“

nA: Sind Ankündigungen wie „wir werden ab 2028 voll elektrisch sein“ in Stein gemeißelt oder gibt es da auch wenn nötig eine Exitstrategie?

de Bourmont: „Opel hat in der Tat angekündigt, ab 2028 nur noch elektrische Autos in Europa anzubieten. Dieses klare Ziel zeigt deutlich, dass wir an die Elektromobilität glauben. Alle Marken von Stellantis haben eine klare Elektro-Strategie und werden diese in den kommenden Jahren konsequent umsetzen. Natürlich ist eine leistungsfähige und flächendeckende Ladeinfrastruktur der Schlüssel. Nur wenn das Laden europaweit und zu jeder Zeit unkompliziert ist, können wir unsere Kunden für Elektrofahrzeuge begeistern. Hier braucht es einen gesamtgesellschaftlichen Schulterschluss. Wir als Stellantis-Konzern glauben an die elektrische Zukunft und wollen mit unseren großartigen Marken Marktführer bei emissionsarmen Fahrzeugen werden. Deshalb planen wir auch Investitionen von über 30 Milliarden Euro bis 2025 in Elektrifizierung und Software – natürlich in der Effizienz, die Sie von uns kennen.“

nA: In welcher Form treten die Marken von FCA künftig E-Mobiltechnisch auf?

de Bourmont: „Jede Marke hat hier ihre ganz eigene Roadmap. Alle Marken eint aber, dass sie auf E-Mobilität setzen und dabei zukünftig von der gemeinsamen Konzerntechnologie profitieren werden. Die Marke Abarth wird beispielsweise bis 2024 zu 100% elektrisch sein, Alfa Romeo wird ab 2024 vollelektrische Modelle einführen. Fiat wird die Produktpalette zwischen 2025 und 2030 schrittweise auf vollelektrisch umstellen. Und bei Jeep werden 2025 rund 70 Prozent aller weltweit verkauften Fahrzeuge elektrifiziert sein.“

Ein vollelektrischer Vertreter (zu seiner Zeit aber noch aus dem Hause PSA): der Opel Corsa-e
© Foto: netzwerk A

nA: Aktuell hat man den Eindruck, dass die Kunden Elektroautos vor allem aufgrund der hohen Förderung anschaffen. Ist bei strombetriebenen Fahrzeugen jemals das Preisniveau eines Verbrenners zu erreichen?

de Bourmont: „Wir erwarten, dass bereits 2026 die Gesamtbetriebskosten eines reinen Elektroautos und eines Verbrenners gleich sein werden – und das ohne Förderung. Darauf arbeiten wir hin. Ein ganz wichtiger Schritt dahin wird durch deutlich günstigere Batterien erreicht werden: Denn die Kosten für Batterie-Packs von Elektrofahrzeugen sollen von 2020 bis 2024 um über 40 Prozent und bis 2030 um weitere 20 Prozent gesenkt werden.“

nA: Kritiker von E-Fahrzeugen sprechen meist die Herstellung der Hochvoltbatterien an, bei der nicht zuletzt seltene Rohstoffe verbraucht werden. Auch werden die Arbeitsbedingungen in den Fabriken kritisiert. Welche Anforderungen stellt sich Stellantis bei diesen Themen?

de Bourmont: „Stellantis bereitet derzeit seinen Strategieplan vor, der Ende dieses oder Anfang nächsten Jahres veröffentlicht wird. Das Thema Corporate Social Responsibility wird dabei vollständig in die Unternehmensstrategie eingebettet. Stellantis wird dabei die bisherigen Bemühungen von FCA und Groupe PSA fortsetzen. Ein aktuelles Beispiel: Angesichts der Bedeutung der Nachhaltigkeit für Stellantis und nachdem wir unsere derzeitigen Lieferanten in Bezug auf die Kobaltversorgung geprüft haben, erweitern wir unsere Partnerschaftr mit einer externen Agentur, um dieselbe Bewertung für Lithium, Nickel und Graphit durchzuführen."

nA: Einzelne Fahrzeughersteller beteiligen sich an Feldversuchen mit E-Fuels. Was ist Ihre persönliche Meinung zu diesem Thema?

de Bourmont: „Um die vielfältigen Mobilitätsanforderungen auch in Zukunft abzudecken, braucht es neben batterie-elektrischen Fahrzeugen auch andere Lösungen. Dazu gehören Brennstoffzellenfahrzeuge oder auch potentiell jene mit e-Fuels. Unser Entwicklungszentrum in Rüsselsheim ist bei diesen Themen das Kompetenzzentrum für die gesamte Gruppe und somit federführend, was die Entwicklung dieser wichtigen Zukunftstechnologien angeht.“

nA: Wann läuft der letzte Verbrenner als Hybrid und mit herkömmlichen Antrieb bei Stellantis vom Band?

de Bourmont: „Stellantis geht wie gesagt davon aus, dass bis 2030 über 70 Prozent des Absatzes in Europa und mehr als 40 Prozent in den USA auf emissionsarme Fahrzeuge entfallen werden. Klar ist aber auch: Stellantis hat ein umfassendes Portfolio hocheffizienter Verbrennungsmotoren – Diesel sowie Benziner – im Angebot. Und: Nicht alle Regionen der Welt werden sich mit der gleichen Geschwindigkeit in Richtung der Elektromobilität entwickeln. Die Marken von Stellantis werden ein Angebot beibehalten, das regional an ihre Kundenbedürfnisse angepasst ist.“

nA: Herzlichen Dank!

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