Interview: E-Lkw von Futuricum schafft Weltrekord - Hintergrund

Dem E-Lkw von Futuricum liegt als Basis ein Volvo zugrunde 
© Foto: Designwerk Group

Über 1.000 Kilometer - und das mit einem elektrischen Lkw. Die Designwerk Group hat mit einem ihrer Futuricum-Lastwagen für Aufsehen gesorgt. Unter welchen Rahmenbedingungen konnte der Weltrekord gelingen?


Datum:
03.09.2021
Autor:
Fabian Faehrmann
Lesezeit: 
5 min

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Wie berichtet hat ein E-Lkw der schweizer Marke Futuricum zuletzt für Aufsehen gesorgt. Denn er stellte einen Weltrekord mit der längsten Strecke ohne Zwischenladung auf. Netzwerk A hat mit Tobias Wülser von der Designwerk Group gesprochen. Die Gruppe ist die Muttergesellschaft, die die Lkw von Futuricum entwickelt hat. 

netzwerk A: Herr Wülser, die Designwerk Group hat mit einem Futuricum E-Lkw einen Weltrekord aufgestellt. Worum ging es dabei genau?

Wülser: Wir möchten die Entscheider, Fuhrparkmanager und LKW-Fahrer anregen, das Thema E-LKW als ernsthafte Alternative für fossile Antriebe zu sehen. Deshalb haben wir uns ein Ziel mit Signalwirkung gesteckt: 1000 Kilometer ohne Zwischenladung. Wir sind Vorreiter in der Elektromobilität für Nutzfahrzeuge und ebnen damit den Weg auch für andere.

nA: Wie sah die Rekordfahrt im Detail aus?

W: Nach einigen Überlegungen zusammen mit unseren Partnern Continental Suisse und DPD Schweiz haben wir die richtige Strecke gefunden. Das Hochgeschwindigkeitsoval Contidrom in der Nähe von Hannover. Die hauseigene Teststrecke von Continental ist 2,8 Kilometer lang und flach. Damit wollten wir sicherstellen, dass der Rekord von anderen E-LKWs unter den gleichen Bedingungen herausgefordert werden kann. Zwei Fahrer in Schichten von je 4,5 Stunden sind insgesamt 392 Runden in beinahe 24 Stunden gefahren. Dies mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 50 km/h. Der Futuricum Logistics 18E fuhr leer, aber mit einer drei Tonnen schweren Wechselbrücke und damit einem Leergewicht von 15.5 Tonnen. Am Ende haben wir unser Ziel von 1000 Kilometern sogar um 99 Kilometer übertroffen.

nA: Wie weit sieht die Reichweite des Lkw im Alltag aus? Immerhin ist er dabei ja nicht in einem „geschützten Bereich“ ohne rote Ampeln, Stau, etc unterwegs…

W: Richtig, es gibt viele Einflussfaktoren. Wind, Bodentemperatur, Gelände, über die Beladung bis zur Fahrweise. Seit der Inkraftsetzung ist der Futuricum E-LKW für DPD Schweiz im werktäglichen Betrieb über 12.000 Kilometer mit einem Durchschnittsverbrauch von 106,8 kWh / 100km gefahren. Das entspricht einer Reichweite von 541,2 Kilometer mit einer Batterieladung. Auf der Fahrt von Winterthur nach Hannover haben wir über die Autobahnroute einen Verbrauch von 87 kWh / 100 Kilometer gemessen und kamen damit 664 Kilometer weit. Zum Schutz der Batterie, nutzen wir im Alltagseinsatz maximal 85% der gesamten Batteriekapazität. Damit verlängern wir die Lebensdauer des Batteriesystems. 

Tobias Wülser (rechts) und Frank Locker sind die Gründer von Futuricum
© Foto: Designwerk Group

nA: Ist der Rekord-Lkw bereits erhältlich oder handelt es sich um einen Prototyp?

W: Ja, das Fahrzeugmodell des Rekord E-LKWs ist bei uns in Kleinserie erhältlich. Der Rekord-LKW ist im täglichen Einsatz und DPD schafft sich gerade einen Zweiten an.  Interessierte können sich gerne bei uns melden.

nA: Bislang hat sich niemand getraut seine Preise offenzulegen. Dennoch wagen wir auch bei Ihnen den Versuch: Was kostet ein E-Lkw? Dem Vernehmen nach liegt das Niveau beim Vielfachen eines Verbrenners…

W: Da haben Sie recht. Der Einstiegpreis sieht im ersten Moment hoch aus. Über die Laufzeit eines LKW-Lebens relativieren sich die Kosten. Wir prüfen mit unseren Kunden Streckenprofil, Einsatzbereich, Energieversorgung und ähnliche Kriterien und erstellen dann eine Übersicht der Gesamtkosten auf 10 Jahre gerechnet. Die wesentlich geringeren Kosten für Wartung und Treibstoff zahlen sich neben dem positiven Image zum Schluss auch in der Bilanz aus. In Zukunft werden die Preise für Standard E-LKW sinken. Wir konzentrieren uns vor allem auf stark individualisierte Fahrzeuge mit speziellen Aufbauten, Stromabnehmern und grossem Reichweitenbedürfnissen, die bisher kein mir bekannter LKW-Hersteller bedient.

nA: Jetzt stehen Sie auf jeden Fall im Guinnessbuch der Rekorde. Was sind Ihre nächsten Projekte?

W: Bei der Entwicklung unserer E-LKW überholen wir uns selbst und werden im Oktober eine Weltpremiere für E-LKW zeigen dürfen. Unser unfairer Vorteil liegt aber vor allem darin, dass wir nicht nur Lastwagen elektrifizieren können, sondern die Kompetenzen auch beim Laden und Speichern haben. Mit unseren mobilen Schnelladegräten und Hochvolt-Batteriesystemen machen wir grosse Schritte. Gerade haben wir zusammen mit der Schweizer Unternehmensgruppe Etavis für Europas grösstes Autohandelsunternehmen Emil Frey mobile Ladelösungen für deren Schweizer Werkstätten liefern dürfen. Auf der anderen Seite bieten wir batteriegepufferte mobile Schnelladelösungen für PKW und LKW an. In diesem Bereich sehen wir eine grosse Nachfrage. Gleichzeitig unterstützen wir Volvo bei Entwicklerprojekten und bei der Entwicklung der E-LKW-Gross-Serie.

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#E-Lkw

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