Auf Tuchfühlung mit der Zukunft: Mitfahrt bei einem Wasserstoff-Lkw

Der Xcient Fuel Cell ist in den Farben von Gebrüder Weiss kaum zu übersehen
© Foto: Jan Scheutzow / netzwerk A

Gebrüder Weiss in Altenrhein (Schweiz) hat seit Kurzem einen Lkw mit Brennstoffzellen-Technik im Fuhrpark. Wir durften den Wasserstoff-Neuankömmling auf einer Tour begleiten und teilen hier unsere Erlebnisse.


Datum:
09.03.2021
Autor:
Fabian Faehrmann
Lesezeit: 
9 min

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Also eines steht schon zu Beginn fest: Eine gemütliche Spritztour mit offenem Fenster und Sonnenbrille auf der Nase wird unsere Fahrt nicht. Bei unserem Besuch in Altenrhein am südlichen Ufer des Bodensees ist es nass bei Temperaturen um den Gefrierpunkt. Roadtrip-Stimmung adé, Einsatzalltag: wir kommen. Auf dem Hof des Logistik- und Transportdienstleisters Gebrüder Weiss steht in der Hausfarbe knallorange: der Hyundai Xcient Fuel Cell – einer der ersten Lkw mit Wasserstoffantrieb in Europa.

Zum Auto

Werfen wir als erstes einen Blick auf das Objekt der Begierde. Schließlich bekommt man hierzulande nicht alle Tage einen Lkw aus dem Hause Hyundai, geschweige denn einen mit Brennstoffzelle, zu sehen. Der Xcient Fuel Cell wird bei Gebrüder Weiss solo mit festem Kofferaufbau eingesetzt und hat eine effektive Nutzlast von sechs Tonnen. Möglich wäre auch der Betrieb als Anhängerzug und oder mit Kühlaufbau. Der 4x2-Lkw hat 350 kW Leistung, die von zwei 95 kW-Brennstoffzellen erzeugt wird. Genauer gesagt läuft in den Zellen eine elektrochemische Reaktion zwischen dem Energieträger Wasserstoff und Sauerstoff aus der Umgebungsluft ab. Der dabei entstandene Strom wird in einen Akku mit 73,2 kWh Kapazität eingespeist, welcher wiederum das Auto antreibt. Heißt: Geht der Wasserstoff aus, gibt es trotzdem noch Strom für ein paar Kilometer Fahrt bis zur nächsten Tankstelle.

Speichern und Tanken

Auch wenn der Xcient Fuel Cell auf den ersten Blick aussieht wie ein herkömmlicher Lkw, wird doch sehr schnell klar, dass er etwas Besonderes ist. Die Optik ist bewusst etwas futuristischer, vorne und an der Seite weisen grüne Aufkleber mit H2-Schriftzug auf den Wasserstoffantrieb hin. Spätestens beim Öffnen der Verkleidung hinter der Fahrertür bekommt man Gewissheit: An der Kabinenrückwand sind quer mehrere Druckgastanks angebracht, die den Wasserstoff speichern. (siehe Bildergalerie) Folgt man den komplizierten Verbindungen, kann man sogar einen kleinen Blick auf die Brennstoffzellen werfen, wobei die Serviceklappen von Hyundai verschraubt wurden. Das Heiligste muss eben doch vor neugierigen Blicken geschützt werden.

Ab geht die Fahrt

Nun wollen wir aber natürlich nicht nur wissen, wie so ein Wasserstoff-Lkw aussieht – die Fahrt ist mindestens genauso wichtig. Unser „Chauffeur“, wie man in der Schweiz sagt, ist Bruno Bleiker. Der 52-Jährige hat sich extra auf die Stelle als Fahrer eines Brennstoffzellen-Lkw beworben. „Ich bin sehr stolz darauf, das erproben zu dürfen“, kommentiert der sympathische Schweizer seine Neuanstellung. Bevor er den Xcient Fuel Cell in Betrieb nehmen durfte, wurde er speziell geschult. Er musste beispielsweise lernen, wie man tankt oder wie man sich bei einem Unfall zu verhalten hat, erzählt er. Die Tour führt über die Landstraße nach St. Gallen, wo sich die nächste Wasserstoff-Tankstelle befindet.

Bruno schmeißt via Knopf den Motor an, und wir hören: quasi nichts. Der Elektromotor ist mucksmäuschenstill, wie wir schon bei anderen Gelegenheiten anhand eines MAN eTGM oder Daimler EActros erfahren durften. Einziger Unterschied: Die Brennstoffzelle gibt im Stand ein leises Surren von sich. Der Klang des Wasserstoff-Lkw ist ein bisschen vergleichbar mit einer S-Bahn.

netzwerk A-Redakteur Fabian Faehrmann (l.) im Gespräch mit Fahrer Bruno Bleiker
© Foto: Jan Scheutzow / netzwerk A

Wow, wie unspektakulär

Vielleicht war es ein Fehler, sich über Wochen hinweg wie ein kleines Kind auf den Mitfahrtermin zu freuen. Denn: Der Hyundai Xcient Fuel Cell macht schlicht seinen Job. Der Lkw hat ein tolles Drehmoment, das ihn in Windeseile auf die maximalen 85 km/h katapultiert. Bruno Bleiker erzählt: „Manchmal bemerke ich gar keinen Unterschied, ob ich Ladung drauf habe oder nicht.“ Auch die hügeligen Straßen in Richtung St. Gallen meistert der Brennstoffzellen-Brummi mit Bravour. Aber - und das gehört genauso zur Wahrheit: Nach fünf Minuten ist das erhabene Gefühl, in einem Gefährt der Zukunft zu sitzen, schon etwas abgeflaut; fünf Minuten später hat man es vergessen und man fährt einfach Lkw. Vielleicht ist das das größte Kompliment, welches sich die Wasserstoff-Ingenieure bei Hyundai wünschen können.

Nicht die Tanknadel vergessen

Vor lauter Gemütlichkeit mag man fast vergessen, dass so ein Brennstoffzellen-Lkw auch gerne getankt werden möchte – und zwar deutlich öfter, als seine Diesel-Kollegen. Nach maximal 400 Kilometern ist nämlich Schluss. Bruno lenkt den Xcient Fuel Cell gekonnt an eine der sechs Wasserstoff-Ladesäulen in der Schweiz, die für Lkw ausgelegt sind. Denn anders als Pkw (700 bar) werden die Laster noch mit 350 bar Druck befüllt. Mehr geht technisch aktuell noch nicht. Der Ladevorgang selbst ist wieder recht unspektakulär: Bruno nimmt den Ladestutzen, drückt ihn in den Lkw und mit sanftem Zischen wird der grüne Wasserstoff, der aus Wasserkraft gewonnen wird, in die Tanks gepumpt. Nach etwa fünf Minuten ist der Spuk vorbei und wir können bezahlen. Gut 152 Schweizer Franken (ca. 137 Euro) kosten etwas mehr als 12 Kilogramm H2. Damit kommt der Lkw hochgerechnet rund 140 Kilometer weit.  


Wasserstoff-Lkw bei Gebrüder Weiss

Bildergalerie

Wasserstoff-Lkw bei Gebrüder Weiss

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