Wie Mikromobilität den urbanen Verkehr revolutioniert

E-Scooter gehören mittlerweile zum Alltagsbild vieler Städte dazu

Lime, Tier, Voi und Co. Die Liste der Anbieter von E-Scootern in Deutschland ist lang. Wie viel Revolutions-Potenzial steckt in den kleinen Flitzern?


Datum:
09.06.2021
Autor:
Dr. Uwe Jasnoch (Vice President of Business Development, Hexagon)
Lesezeit: 
6 min

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ein Gastbeitrag von Dr. Uwe Jasnoch (Hexagon)

Das Konzept der Mikromobilität, also kleiner, leichter Fahrzeuge wie E-Scooter und E-Bikes, ist erst wenige Jahre alt, weist jedoch schon ein starkes Wachstum auf aktuell mehr als 620 Städte in 53 Ländern auf und verändert nicht nur den Verkehr, sondern auch das urbane Leben. In Zeiten globaler Erwärmung und des Klimaschutzvertrags von Paris müssen Städte ihren CO2-Fußabdruck reduzieren. Das umweltfreundliche Konzept, das hauptsächlich für kurze Wege gedacht ist, trägt zur Reduktion von Staus bei und bietet eine komfortable, individuelle Transportmöglichkeit, die auf die Bedürfnisse der Fahrer*innen zugeschnitten ist. Bei einer Reduktion des Autoverkehrs um 20 %, verringert eine Stadt ihren CO2-Fußabdruck um 80.000 Tonnen. Seit der Coronavirus-Pandemie ist die Nutzung von Mikromobilitätsoptionen konstant geblieben, da diese Fahrzeuge Social Distancing ermöglichen und viele Nutzer öffentliche Verkehrsmittel vermeiden wollen.

Doch ist Mikromobilität wirklich das Allheilmittel für modernes, nachhaltiges und unbeschwertes Reisen? Vielleicht, aber die aktuelle Realität ist sowohl für Anwohner*innen als auch für politische Entscheidungsträger*innen komplizierter.

Branche mit Wachstum

Stationslose E-Scooter sind ein hervorragender Mikrokosmos zum Studieren der aktuellen Herausforderungen. Die E-Scooter-Industrie verzeichnet aktuell, ähnlich wie andere Formen der Mikromobilität wie beispielsweise die E-Bike-Branche, ein exponentielles Wachstum. Im Jahr 2018 schätzte die amerikanische National Association of City Transportation Officials, dass es allein in den USA mehr als 38,5 Millionen E-Scooter-Fahrten gab. Im Jahr 2019 gab das E-Scooter-Unternehmen Lime bekannt, dass innerhalb von zwei Jahren 50 Millionen Fahrten erreicht wurden.

In der Vergangenheit gab es aber nicht nur Positives über die Branche zu berichten: Vor allem falsch abgestellte Fahrzeuge, die Bürgersteige, Türen, Feuerwehranfahrtszonen und Zugangspunkte für Menschen mit Behinderung blockieren, sind ein öffentliches Ärgernis. Zudem haben die Betreiber weltweit Mühe, ihre Produkte zu verfolgen und zu verwalten, was die Ausbreitung des E-Scooter-Booms auf weitere Städte verhindert.

Diese Hürden sowie die begrenzten öffentlichen Ressourcen erschweren die schnelle Verbreitung von E-Scootern. Weil diese Form der Mobilität neu ist und noch nicht in die existierenden Mobilitätskonzepte eingebunden ist, haben die Kommunen weltweit große Schwierigkeiten bei der Regulierung und positiven Integration und verfolgen daher unterschiedliche Ansätze, um eine konsistente, nachhaltige Lösung zu finden.

Andere Länder, andere Regeln

Im Vereinigten Königreich ist es beispielsweise legal, E-Scooter für den Straßenverkehr zu mieten, aber E-Scooter-Besitzer*innen dürfen diese nur auf privaten Grundstücken fahren. In Deutschland müssen private Fahrer*innen zuerst eine Versicherung abschließen – diese ist bei gemieteten E-Scootern bereits inbegriffen. In den USA variieren die Vorschriften von Bundesstaat zu Bundesstaat. Generell haben die Gerichtsbarkeiten aufgrund der oben genannten Probleme ihre Akzeptanz von E-Scootern zurückgezogen.

Doch von politischer Seite gibt es an mehreren Ebenen Fortschritte: Neue Vorschriften, die durch eine konsequente aber Datenschutz konforme Nutzung von Tracking-Technologie ermöglicht werden, bringen zunehmend Klarheit. Daten sind für die Revolution der Mikromobilität von entscheidender Bedeutung, da manuelles Monitoring und manuelle Auswertung im Allgemeinen keine nachhaltigen langfristigen Lösungen sind. Automatisierte Prozesse für die Datenerfassung und Standortanalyse tragen wesentlich zur Lösung der Herausforderungen bei, die mit E-Scootern verbunden sind.

München hat beispielsweise eine Initiative zur Beobachtung von Shared-Mobility-Fahrzeugen wie E-Scootern, Fahrrädern und Autos gestartet. Dabei werden Daten von verschiedenen Mobilitätsanbietern auf einer IoT-fähigen Plattform erfasst und anschließend Datenanalysen durchgeführt, um Bewegungsmuster zu verfolgen und festzustellen, wie Ereignisse und Vorschriften der Stadt das Verhalten beeinflussen. Die Initiative hilft bei der Koordination zwischen Stadt und Dienstleistern, um das Management der Verkehrsinfrastruktur zu verbessern. Während einer Veranstaltung könnte die Plattform beispielsweise verwendet werden, um vorübergehende zeit- und ortsbezogene Einschränkungen für die verschiedenen Fahrzeugklassen zu definieren und diese Informationen rechtzeitig automatisch an die Shared-Mobility-Anbieter zu übermitteln. Die Münchner Initiative ist nicht nur ein Vorreiter für die Lösung vieler Herausforderungen von E-Scootern und anderen Shared-Mobility-Fahrzeugen, sondern hilft auch den Angestellten der Stadt, Verkehrsmuster besser zu identifizieren und zu verstehen. So können Mobilitätskonzepte der Zukunft auf der Grundlage von Daten erstellt werden. 

Solche Informationen verbessern auch die juristische Bewertbarkeit. In Provo, einer Stadt im Bundesstaat Utah in den USA, stellte beispielsweise ein Gremium aus Expert*innen fest, dass das Anbringen von Schildern in stark frequentierten Bereichen das Wissen der E-Scooter-Benutzer*innen über Sicherheitsvorkehrungen steigerte. Andere Städte bieten Ständer oder Zonen an, an denen Pendler*innen ihre Geräte abschließen oder die Leihfahrzeige abstellen können.

Fazit

Wie E-Scooter zeigen, ist Mikromobilität eine der Optionen für Pendler*innen und umweltbewusste Städte. Das Konzept kann unter anderem Metropolregionen helfen, ihre Ziele für mehr Nachhaltigkeit im Verkehr zu erreichen. Daher wird die Mikromobilität, parallel zu ausgereifteren Vorschriften und Technologien langfristig wachsen. Die Prognosen für die Anzahl der Kilometer, die durch Mikromobilität zurückgelegt wurden, haben in letzter Zeit zugenommen, was auch auf die Pandemie und Social Distancing zurückzuführen sind.

Wie in jeder neuen Branche gibt es Herausforderungen, die bewältigt werden müssen. Doch Vorreiterstädte wie München zeigen, dass Städte schnell und erfolgreich Mikromobilität etablieren können, wenn sie aktuelle Daten erfassen und diese für Strategien und Steuerung nutzen. 

Mehr Informationen finden Sie bei Hexagon

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