Praxisbeispiel: Aufbau einer Ladeinfrastruktur

Besonders wenn man viele Ladepunkte benötigt, sollten Experten mit ins Boot geholt werden
© Foto: Armin Wutzer/AUTOHAUS

Viele Unternehmen haben sich schon mit dem Gedanken beschäftigt auf Elektromobilität umzusteigen. Dazu gehört natürlich auch der Aufbau einer geeigneten Ladeinfrastruktur. Unser Praxisbeispiel mit einem Autohaus zeigt, dass Firmen dabei schnell an ihre Grenzen stoßen und sich Fragen stellen wie: Was kann ich, was will ich, was muss ich?


Datum:
23.08.2021
Autor:
Armin Wutzer | Fabian Faehrmann
Lesezeit: 
10 min

NOCH KEINE Kommentare

jetzt mitdiskutieren




Woher soll ich so viel Strom bekommen? Seit die Elektromobilität die Autobranche mit Macht durcheinanderwirbelt, stehen tagtäglich Dutzende Unternehmen vor der Frage, wie sie die wachsende Zahl der Stromer in ihrem Fuhrpark oder auf ihren Parkplätzen laden sollen, ohne dass permanent das Licht ausgeht. Vor allem im Autohandel ist das Problem akut. Denn Strom war in deutschen Autohäusern bisher eher Nebensache - Beleuchtung und Werkstatt, mehr war im Grunde nicht nötig. Dementsprechend sparsam waren und sind die Netzanschlüsse vieler Betriebe dimensioniert.

So auch im Autohaus Best in Offenbach. Dort hatte Serviceleiter Tilman Gampe Anfang 2020 Post von Skoda vor sich auf dem Tisch. In dem Schreiben teilte der Importeur die Vorgaben zur Ladeinfrastruktur mit, die das Autohaus am Standort Offenbach laut Händlervertrag umzusetzen hatte. Gampe sollte den Ausbau im Auftrag der Geschäftsführung nun steuern. Insgesamt vier Ladepunkte verteilt auf Parkplatz, Werkstatt und Auslieferung sollten es in dem 42-Mitarbeiter-Betrieb nach dem Willen von Skoda mindestens sein. Vorgabe waren: eine AC-Wallbox mit 3,6 - 11 Kilowatt (kW) Ladeleistung in der Fahrzeugübergabe, eine (Dummy-)AC-Wallbox mit 0 - 11 kW im Showroom, ein mobiles Ladegerät für Industriesteckdosen und mindestens eine 11-kW-Ladesäule im Außenbereich. An sich moderate Vorgaben - wäre da nicht der Netzanschluss des Betriebs im Weg gewesen.

Mickriger Hausanschluss

Denn mit nur 44 kW war der alles andere als üppig. Und aufgrund der bestehenden dichten Bebauung stand zu vermuten, dass eine einfache Erweiterung nicht ohne Weiteres möglich war. Eine Anfrage bei den örtlichen Stadtwerken bestätigte den Verdacht: Maximal 55 kW, mehr sei nicht drin, teilte der Versorger mit. Allein die durchschnittliche Grundlast des Standorts lag aber schon zwischen 35 und 40 kW. Zudem war das Autohaus überzeugt, dass für ein glaubhaftes Bekenntnis zur E-Mobilität und mit Blick auf das zu erwartende Wachstum bei elektrifizierten Modellen deutlich mehr Ladeinfrastruktur als in den Herstellervorgaben nötig sei. "Mir war allerdings nicht klar, wie wir das hinbekommen sollten", sagt Gampe im Rückblick.

Selbst wenn das Autohaus einfach nur die von Skoda vorgegebenen Ladesäulen installiert hätte, wären regelmäßige Blackouts vorprogrammiert gewesen. Etwa wenn an allen Ladesäulen ein Fahrzeug hängt, die Klimaanlagen auf Hochtouren laufen und in der Werkstatt alle Hebebühnen arbeiten. Ein über die Minimalanforderungen hinausgehender Ausbau schien angesichts dessen umso mehr völlig utopisch. Um doch noch genug Energie für einen größeren Ausbau zu haben, stand kurzzeitig sogar ein neuer Trafo im Raum. Der aber hätte mindestens 70.000 Euro gekostet - mehr als das Dreifache des geplanten Budgets. Auf Nachfrage, ob das möglich sei, erteilten die Stadtwerke zudem eine weitere Absage. "Wir haben bald gemerkt: Wir brauchen jemanden, der uns nicht nur eine Wallbox verkauft, sondern auch weiß, wie man das vor Ort umsetzt", sagt Gampe.

Die Wahl fiel auf "The Mobility House". Das Unternehmen hat sich auf Beratung, Planung und Umsetzung von Ladeinfrastrukturprojekten spezialisiert und bietet ein selbst entwickeltes, herstellerneutrales Lade- und Energiemanagement-System an. Den Ausschlag zugunsten von Mobility House gab, dass der Anbieter im Bereich Ladeinfrastruktur seit 2014 mit dem VW-Konzern und seit 2019 mit der Marke Skoda kooperiert und offiziell empfohlen wird.

Individuell planen und bauen

Dort kennt man Konstellationen wie die im Autohaus Best zur Genüge. "Viele kleine und mittelgroße Händler haben Anschlüsse zwischen 40 und 60 kW Leistung. Ohne gute Planung ist da oft schon nach zwei oder drei Wallboxen Ende", sagt Philipp Schleicher, Key Account Manager bei The Mobility House und zuständig für die Betreuung von Autohäusern. Gleichzeitig würden viele OEM ungeachtet der Gegebenheiten vor Ort Druck machen und auf die Einhaltung von Standards pochen, die oft deutlich über die moderaten Vorgaben hinausgehen, die das Autohaus Best zu erfüllen hatte.

Als Ausgangspunkt für jeden Ladeinfrastruktur-Ausbau empfiehlt Schleicher grundsätzlich eine gute Bedarfsplanung und ein individuelles Ladeinfrastruktur-Konzept. Dieses umfasst bei Mobility House eine standortbezogene Analyse von OEM-Vorgaben, Netzkapazitäten, Verkaufszahlen und Werkstattdurchläufen sowie eine Hochrechnung zur Entwicklung in den kommenden Jahren. Erst auf dieser Basis lasse sich gemeinsam mit den Verantwortlichen im Autohaus und deren Zukunftsplänen sinnvoll ableiten, was an Ladeinfrastruktur wirklich nötig sei, ist Schleicher überzeugt. "Es ging darum, einen Kompromiss im Dreieck 'Was kann ich?', 'Was will ich?' und 'Was muss ich?' zu finden", ergänzt Gampe.

HASHTAG


#Infrastruktur

MEISTGELESEN


KOMMENTARE


SAGEN SIE UNS IHRE MEINUNG

Die qualifizierte Meinung unserer Leser zu allen Branchenthemen ist ausdrücklich erwünscht. Bitte achten Sie bei Ihren Kommentaren auf die Netiquette, um allen Teilnehmern eine angenehme Kommunikation zu ermöglichen. Vielen Dank!


NEWSLETTER

Newsletter abonnieren und keine Branchen-News mehr verpassen.


netzwerk-A ist das Onlineportal mit Antworten und Praxiswissen zu allen alternativen Antrieben. Das Onlineportal bündelt die alternativen Antriebsformen Elektromobilität, Hybrid oder Plug-in-Hybrid-Antriebe, LPG, CNG, Erdgas, Wasserstoff-Fahrzeuge und Brennstoffzellen-Fahrzeuge. netzwerk-A vergleicht alternative Antriebe und bietet umfassende Marktübersichten zu den nachhaltigen Antrieben der neuen Mobilität. netzwerk-A bietet dem Nutzer regelmäßig Anwenderberichte, Best-Practice-Beispiele, How-to-Anleitungen und Checklisten, um das Fahren und Transportieren mit alternativen Antriebsarten heute, morgen und übermorgen in nachhaltige Mobilitätskonzepte zu integrieren. Wie die Infrastruktur für die neue Mobilität aufgebaut wird und welche Förderungen es für nachhaltige Antriebe gibt, beantwortet die Onlineplattform netzwerk-A von Springer Fachmedien München. netzwerk-A wendet sich an Autohäuser, Speditionen und Logistik-Unternehmen, Fuhrparkmanagement, Transportunternehmen und ÖPNV-Betriebe.