Interview: Wasserstofftankstellen in Deutschland

Lorenz Jung, der CPO von H2 Mobility Deutschland
© Foto: H2 Mobility Deutschland

Die H2 Mobility GmbH Deutschland soll das Tankstellennetz für Wasserstoff in Deutschland aufbauen. Eine Bestandsaufnahme mit dem CPO des Unternehmens, Lorenz Jung.


Datum:
20.07.2021
Autor:
Fabian Faehrmann
Lesezeit: 
5 min

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Herr Jung, wie viele Wasserstoff-Tankstellen gibt es eigentlich aktuell in Deutschland?

Im Moment sind 92 Stationen in Betrieb, der Großteil davon wird von uns betrieben. Wir freuen uns aber auch darüber, dass noch weitere Betreiber dazukommen, weil jede Tankstelle mehr ein Zugewinn für unsere Branche ist.

Viele unserer Leser interessieren sich auch für Lkw. Wie ist da der aktuelle Stand?

Als wir gegründet wurden, lag der Fokus ganz klar auf Pkw. Damals war man der Meinung, dass das der Verkehrsträger ist, der der Technologie zum Durchbruch verhilft. Heute sieht das anders aus, denn zwischenzeitlich ist auch im Schwerlastverkehr und bei anderen großen Gefährten eine Nachfrage entstanden. Dem tragen wir Rechnung, indem wir die Infrastruktur aufbauen und erweitern, damit auch Busse, Müllsammler und später auch Lkw betankt werden können. Wir bewegen uns bei der Zahl der Tankstellen im Moment im niedrigen zweistelligen Bereich, da sich dieses Feld noch im Aufbau befindet.

Für die Betankung von Lkw gibt es verschiedene Systeme - die einen arbeiten bereits mit 350 bar, andere wollen auf flüssigen Wasserstoff setzen. Für welches System wird man sich am Ende entscheiden?

Das ist in der Tat die Gretchenfrage. Zuerst muss man sehen, dass der Sprung vom Pkw zum Lkw ein sehr großer ist. Ein Pkw kann heute etwa fünf Kilogramm Wasserstoff tanken. Bei Lkw zeichnet sich ab, dass das Volumen bis auf 80 Kilogramm gehen wird. Dafür braucht es eine komplett andere Anlage mit anderen Kühlsystemen und so weiter. Momentan finden in diversen Gremien Diskussionen statt, in denen man versucht, sich auf eine ökologisch und ökonomisch sinnvolle Marschroute zu verständigen. Für uns als Infrastrukturbetreiber ist die Richtung ganz schwer vorherzusehen, und wir drängen auch darauf, dass wir kurzfristig eine Antwort bekommen, um uns vorbereiten zu können.

Welche Signale empfangen Sie denn aus den angesprochenen Gremien? Zeichnet sich da schon ein Weg ab?

Nein, das ist noch völlig offen. Alle Standards, von 350 bar über 700 bar bis hin zu LOHC oder Flüssigwasserstoff, haben Vor- und Nachteile. Natürlich gilt es bei einer Vielzahl von Beteiligten in solch einem Prozess, auch viele Interessen unter einen Hut zu bekommen. Wir sind in den Gremien stark involviert, um die aus Sicht der Infrastrukturbetreiber sinnvollste Lösung zu unterstützen.

Und welche wäre das?

Wir konnten in den letzten Jahren mit gasförmigem Wasserstoff viel Erfahrung sammeln und kennen uns damit sehr gut aus. Der Schritt zu 350 bar ist naheliegend, und diesen Standard wird es definitiv geben, insbesondere im regionalen Verkehr. Was dann für die Langstrecke kommt, ist aber noch völlig offen, und dazu möchte ich auch noch keine Prognose abgeben.

Bis zu welchem Zeitpunkt erhoffen Sie sich eine solche Einigung?

Wir werden mit 350 bar anfangen, das ist schon sicher. Für alles, was darüber hinaus geht, hoffe ich, dass wir spätestens Ende des Jahres Klarheit haben und dann loslegen können, denn solche eine Infrastruktur baut sich nicht einmal eben schnell über Nacht auf. Außerdem ist sie sehr kostenintensiv, also sollte man sich gut überlegen, welche Investition man tätigt und welche Fördermittel man in Anspruch nehmen kann. Nicht zuletzt müssen wir bei der Frage nach der Technologie auch über die deutschen Grenzen hinausschauen.

Sind die aktuell vorhandenen Tankstellen eigentlich wirtschaftlich schon tragbar?

Ohne zu tiefe Einblicke in unsere Finanzstrukturen zu geben: Es ist momentan noch schwierig, keine Frage. Aber genau deshalb ist es für uns wichtig, beispielsweise Mindestnachfragen zu klären, um den Betrieb aufrechterhalten zu können. Auch das ist eine Thematik, die wir in den letzten Jahren stark optimiert haben. Die laufenden Kosten der Tankstellen sind spürbar niedriger geworden. Die Grundidee unseres Daseins ist es nach wie vor, erste Schritte zu gehen und den Weg zu ebnen.

Wird der Umstieg auf Wasserstoff und Brennstoffzelle langfristig die Preise auf dem Markt erhöhen?

Es gibt auch heute schon Fälle, die der Diesel-Parität sehr nahekommen. Man darf auch nicht vergessen, dass wir mit grünem Wasserstoff lokal emissionsfrei unterwegs sein werden. Das hat einen gewaltigen Wert, der heute nur noch nicht eingepreist ist. Ich möchte nicht darauf abzielen, dass es unbedingt eine stärkere Besteuerung für den Diesel braucht, aber man sollte sich mal ins Bewusstsein rufen, welche Vorteile man sich mit so einem Antrieb anschafft. Man darf nicht nur den Preis pro Liter oder Kilogramm Kraftstoff miteinander vergleichen, und ich glaube auch nicht, dass das viele so praktizieren. Denn auch Unternehmer haben ja ein Interesse daran, den nächsten Generationen etwas Nachhaltiges zu hinterlassen, und da sind die Schritte mit Wasserstoff genau die richtigen.

Wie sieht die Entwicklung in den kommenden Monaten aus?

Wir haben in den letzten Jahren die Zahl unserer Stationen sehr stark ausgebaut. Jetzt ist ein Zwischenplateau erreicht, auf dem es sehr wichtig ist, dass Nachfrage kommt. Es gibt 92 Stationen in Deutschland, dem gegenüber stehen knapp 1000 Fahrzeuge. Sie sehen, das ist ein sehr ungesundes Verhältnis. Mit unserer Infrastruktur könnten wir schon heute etwa 40000 Pkw bedienen. Glücklicherweise sehen wir im Lkw- und Busbereich, dass sich langsam eine Nachfrage aufbaut. Im Pkw-Bereich kann ich ehrlich gesagt die deutschen Autohersteller nicht ganz verstehen, dass der Wasserstoff keine große Rolle einnimmt. In Japan und Südkorea geht der Trend ganz klar in diese Richtung, auch in China sieht es im Moment danach aus. Im Heavy-Duty-Sektor brauchen wir wie schon gesagt zuerst dringend eine Entscheidung, damit wir jetzt langsam mit dem Aufbau der Infrastruktur anfangen können, bevor 2023 die ersten Fahrzeuge auf den Markt kommen werden.

Wo glauben Sie wird der große Startpunkt für Wasserstoff-Lkw in Deutschland sein?

Es gibt ja schon einige Fahrzeuge, die unterwegs sind, beispielsweise Müllsammler in Berlin. Für Speditionen und Logistiker kann ich sagen, dass wir nirgendwo eine Tankstelle aufbauen werden, die sich nicht rechnet. Es muss also eine gewisse Nachfrage geben. Wir sind offen für Gespräche, auch mit Unternehmern, die einen größeren Teil ihrer Flotte umrüsten und zugleich die Vorteile einer öffentlichen Tankstelle nutzen wollen. Wir freuen uns auf Ideen und spannende Pilotprojekte.

Das Gespräch führte netzwerk A-Redakteur Fabian Faehrmann.

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