CO2-Ausgleich beim Spritkauf

Er ist für Unternehmen ganz schön wichtig geworden: Der CO2-Fußabdruck - hier natürlich nur symbolisch dargestellt
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Shell startet ein neues Projekt für den Umweltschutz. Kunden sollen beim Kraftstoffkauf freiwillig draufzahlen, um ihre CO2-Emissionen auszugleichen.


Datum:
06.10.2020
Autor:
Fabian Faehrmann
Lesezeit: 
6 min

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„Wollen Sie Ihre CO2-Emissionen freikaufen?“ Diese (oder eine ähnliche Frage) werden Kunden bei Shell künftig häufiger gestellt bekommen. Denn der Tankstellenbetreiber startet eigenen Angaben nach ab sofort ein neues Umweltschutzprojekt. Ab dem 07.10.2020 können Kunden nämlich die CO2-Emissionen, die sie mit ihrem Sprit verursachen, schon an der Kasse „freikaufen“.

Laut Shell soll das mit einem Betrag von 1,1 ct pro Liter passieren. Diesen kann man sich freiwillig auf die Rechnung aufschlagen lassen. Mit dem Geld erwirbt der Konzern schließlich sogenannte Emissionsgutschriften, mit denen mehrere internationale Waldschutz- und Entwicklungsprojekte gefördert werden. Die effektiven CO2-Einsparungen der Projekte sollen dem Konzern nach von externer Seite geprüft und bewertet werden.

Das Angebot will Shell an mehr als 1400 Stationen in Deutschland einführen. Es soll für Benzin, Diesel und Autogas gelten. Auch Flottenkunden, die mit der hauseigenen Shell Card bezahlen, sollen die Möglichkeit bekommen, das Projekt zu fördern.

Rechnung: Geht das auf?

Einer Auflistung von CO2-Online zufolge enthält ein Liter Benzin etwa 2,3 Kilogramm CO2. Wir rechnen nach – und zwar mit einem Opel Corsa mit einem 1.2 Liter Benzinmotor, 75 PS und Euro 6d-Plakette. Dieser soll laut Hersteller 4,1l auf 100 km verbrauchen und dabei 93 Gramm CO2 pro Kilometer verursachen (NEFZ). Pro Liter ergibt sich damit ein CO2-Ausstoß von rund 2,2 Kilogramm – das scheint aufzugehen. Ein vergleichbares Ergebnis erreichen wir mit einem Ford Mustang GT (450PS, 12,5l/100 km, 284 g CO2/km).

Jetzt kommt der spannende Part: Wenn Shell für einen Liter Benzin 1,1 Cent verlangt, würde nach dieser Rechnung eine Tonne CO2 exakt fünf Euro kosten. So viel kostet in etwa auch ein Zertifikat nach dem VCS-Standard, auf das Shell eigenen Angaben nach zurückgreift. Das passt also. Wichtig als Unterscheidung: Es gibt auch noch einen europäischen Markt, auf dem CO2-Zertifikate gehandelt werden, die für Unternehmen als Kompensation verpflichtend sind. Hier kostet ein Zertifikat für die Verursachung einer Tonne CO2 je nach Kurs rund 25€. Shell verweist aber darauf, dass dies ein anderer Markt und ein Vergleich deshalb nicht möglich sei. 

Wir pflanzen einen Wald

Der Mineralölkonzern will noch an anderer Stelle CO2-Emissionen sparen – und zwar auf nachhaltiger Basis. Das Unternehmen ist eine Kooperation mit den Schleswig-Holsteinischen Landesforsten eingegangen und pflanzt insgesamt 20 Hektar neuen Wald. Dieser soll aus überwiegend heimischen Baumarten bestehen. Das Projekt ist auf fünf Jahre angesetzt und hat dem Unternehmen nach keinen Zusammenhang mit dem freiwilligen Kompensationsprojekt der Kunden.


Kommentar: Besser als nichts

Shell bietet seinen Kunden ein verlockendes Angebot an: Du zahlst dich frei. Denn sind wir mal ehrlich: Mittlerweile hat doch fast jeder von uns ein schlechtes Gefühl, wenn er oder sie den Zündschlüssel im Auto umdreht und der Motor das Rumpeln anfängt. Das Umweltbewusstsein ist fest in uns verankert – und das ist auch gut so. Ohne das gäbe es wahrscheinlich beispielsweise diese Internetseite nicht. Shell springt genau auf dieses Gefühl auf und bietet den Leuten eine Art Beichte im Vorfeld an. Für einen Mini-Betrag, der bei kaum einer Tankladung über einen Euro kosten wird, kaufe ich mir ein reines Gewissen. 

Insgesamt muss man dazu sagen, dass der Handel mit Emissionsgutschriften nicht ganz unumstritten ist. Es ist ein wenig so, als wenn ich meinen Strafzettel schon im Vorfeld bezahle, um mich danach breit ins Halteverbot stellen zu können. So funktioniert die Welt nicht. Die interessiert nicht, ob für die Emission gezahlt wurde. Für sie zählt nur, ob sie verursacht wurde oder nicht. 

Und trotzdem geht Shell in meinen Augen einen wichtigen Schritt: Denn das Unternehmen macht auf das Problem aufmerksam. Ja, man sollte sich nicht von dem Angebot blenden lassen, sich die Umwelt grün kaufen zu können. Das wird nicht funktionieren. Die freiwillige CO2-Gebühr, hat vielmehr eine Warnwirkung. Denn bei Shell werden wir ab sofort jedes Mal an der Kasse damit konfrontiert, dass wir mit dem, was wir vor wenigen Sekunden getankt haben, die Umwelt belasten werden.

Fabian Faehrmann, Redakteur netzwerk A



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