Aftersales-Studie 2030: Evolution statt Revolution

Die Mobilität wird digitaler, aber der Altbestand an Fahrzeugen ist noch lange im Markt.
© Foto: Bosch

Bis zum Ende des Jahrzehnts wird alles elektrischer und digitaler - das treibt Kunden vermehrt in die Markenwerkstatt. Aber der Fahrzeugbestand auf der Straße wird gleichzeitig immer älter und das spielt dem freien Markt in die Karten.


Datum:
22.06.2021
Autor:
Dietmar Winkler
Lesezeit: 
5 min

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Das Servicegeschäft in Westeuropa wird in den nächsten zehn Jahren um nur ein bis zwei Prozent jährlich zulegen. Insgesamt dürfte der europäische Markt von 225 Milliarden Euro in diesem Jahr auf insgesamt 282 Milliarden Euro im Jahr 2030 wachsen. Die Ursachen für das nur moderate Wachstum liegen in der Abnahme von Unfällen aufgrund besserer Fahrerassistenzsysteme, geringerer Fahrleistung durch Arbeiten im Homeoffice, Zunahme der Elektromobilität und dem verstärkten Einsatz von Softwareupdates ohne Werkstattaufenthalt. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG), die in Kooperation mit der European Association of Automotive Suppliers (CLEPA) und der Unternehmensberatung Wolk After Sales Experts in Bergisch Gladbach erstellt wurde. Insgesamt wurden über 600 Betreiber von Werkstätten und Servicezentren befragt sowie zahlreiche Experteninterviews geführt.

Die Verbreitung von batterieelektrisch betriebenen Fahrzeugen (BEV, Battery Electric Vehicles) wirkt sich negativ auf den Umsatz mit Wartung und Reparatur aus. Die Verfasser der Studie gehen davon aus, dass durch rein batterieelektrisch betriebene Fahrzeuge (BEV) sich der Teilebedarf um 20 Prozent reduziert, bei reinen Verschleißteilen sogar um die Hälfte.

Verbrenner noch lange unterwegs

Bei solchen Zahlen stellt sich die Frage, was für Arbeiten überhaupt in Zukunft möglich sind und wo Werkstätten noch Geld verdienen können. Bis reine Elektroautos in großen Mengen in freien Werkstätten aufschlagen, wird noch etwas Zeit vergehen. Die BCG geht davon aus, das im Jahr 2030 gerade einmal sechs Prozent aller Pkw und Nutzfahrzeuge in Europa rein elektrisch unterwegs sind. 81 Prozent der Fahrzeuge werden laut Studie noch mit Verbrenner unterwegs sein, die restlichen Anteile entfallen auf verschiedene Typen von Hybridfahrzeugen, die noch mit Verbrennungsmotor ausgestattet sind. Dramatisch ist der Einfluss von Fahrerassistenzsystemen: Die wachsende Verbreitung von Fahrerassistenzsystemen senke die Unfallquote bis 2030 um zehn bis 20 Prozent, schreiben die BCG-Branchenexperten.

Markenwerkstätten sind Gewinner

Für freie Werkstätten werde der Wettbewerb härter. Die Autohersteller und ihre Markenwerkstätten profitierten von der zunehmenden Vernetzung der Autos, denn die Daten ermöglichten ihnen eine frühzeitige Ferndiagnose und Wartung. Das steigere Kundenzufriedenheit und Kundenbindung. In zehn Jahren dürfte die Hälfte der Autos vernetzt sein, und die Markenwerkstätten dürften ihren Marktanteil in Europa auf 40 Prozent gesteigert haben. Albert Waas, Managing Director und Partner der Boston Consulting Group München, erklärt dazu "Wir gehen für den Zeitraum ab 2025 davon aus, dass die markengebundenen Werkstätten ein Stück weit gewinnen werden. Das ist getrieben durch eine höhere Penetration von Elektrofahrzeugen und durch die zunehmende Komplexität der Fahrzeuge als System. Gerade in der Anfangsphase werden sich Kunden mit diesen Fahrzeugen beim OE besser aufgehoben fühlen."

Ein anderer wichtiger Faktor ist laut Waas das Thema "Remote Diagnostics", das seiner Meinung nach in einigen Jahren langsam zum Tragen komme. "Wir gehen daher von 2025 bis 2030 davon aus, dass sich der Markt um drei Prozentpunkte wieder zum markengebundenen Markt verschiebt. Eine radikale Marktverschiebung erwarten wir aber nicht - denn der Altbestand an Fahrzeugen sorgt dafür, dass auch die freien Werkstätten ausgelastet bleiben."

Fuhrpark wird immer älter

Es ist der Altbestand von Fahrzeugen im riesigen europäischen Fuhrpark, der den freien Betrieben noch auf Jahre die Existenz sichert - und die Autos werden tendenziell immer älter. In der Studie heißt es dazu: "In den letzten zehn Jahren ist das Durchschnittsalter der Pkw-Flotte gestiegen. Das durchschnittliche Fahrzeug in Westeuropa ist elf Jahre alt; in Mittel- und Osteuropa ist es sogar noch älter." Dies wirke sich auf den Reparaturmarkt aus, da ältere Fahrzeuge mit größerer Wahrscheinlichkeit gewartet werden müssen. In Westeuropa ist der Anteil der Fahrzeuge, die älter als acht Jahre sind (Segment 3) von 50 Prozent im Jahr 2011 auf 65 Prozent im Jahr 2019 gestiegen. Dieser Trend werde sich fortsetzen, wobei der Anteil von Segment 3 bis 2030 bis zu 75 Prozent erreicht. In den mittel- und osteuropäischen Ländern ist der Trend laut BCG-Studie noch ausgeprägter.

Digitalisierung schreitet voran

Vergleichs- und Vermittlungsplattformen für Kfz-Teile und für Werkstätten werden sich nach Einschätzung von BCG einen wachsenden Teil des Kuchens sichern und schon 2025 über 15 bis 20 Prozent an den vermittelten Leistungen verfügen. Technischer Wandel, neue digitale Player und eine zunehmende Marktkonsolidierung setzten Ersatzteil-Großhändler und Werkstätten unter Druck.

Daher ist der Reparaturmarkt auf der Suche nach datenbasierten Geschäftsmodellen. Auf die Frage, welches Potenzial solche datenbasierten Geschäftsmodelle für die freie Werkstatt haben werden, sieht Albert Waas vor allem den Großhandel im Zugzwang: "Aus Sicht des Großhandels sind Systeme, die den Kunden digital stärker einbinden, genau der richtige Weg. Der Großhandel muss sich fragen, wie man die Kunden in die Werkstätten zieht, die beliefert werden. Digitale Geschäftsmodelle zielen in zwei Richtungen: Es geht einerseits um Diagnostic, also die Abfrage und Auswertung von Fahrzeugdaten über einen OBD-Stecker, und die Nähe zum Kunden über eine Smartphone-App."

Der zweite wichtige Aspekt betreffe den Prozess der Teilebestellung in der Werkstatt. Hier wolle der Teilegroßhandel sicherstellen, dass die Werkstatt möglichst bequem die Teile aus dem eigenen Sortiment bestellt. Dort gehe es also um Themen wie Integration von Bestellsystemen, Angebot von RMI Daten etc. "Je tiefer hier die Integration ist, desto wahrscheinlicher geht die Bestellung durch. Es geht um den Aufbau eines eigenen kleinen Ökosystems", erläutert Waas die Idee dahinter.

Kein schwarzer Schwan in Sicht

Dass schon bald ein branchenfremdes Unternehmen den Markt von hinten aufrollt, dafür spricht derzeit nicht sehr viel, glaubt Albert Waas: "Der Reparaturmarkt erweist sich als erstaunlich widerstandsfähig. Wir sehen derzeit auch nicht den berühmten schwarzen Schwan am Horizont. Die größte Veränderung bringt wohl das Thema E-Commerce in der Teileversorgung. Online-Shops für Kfz-Teile sind meist auch B2B-Player in Richtung kleinere Werkstätten, auch wenn sie sich vor allem als B2C-Player positionieren."

Der Branchenexperte beobachtet zudem, dass die ursprüngliche Skepsis der Ersatzteilhersteller gegenüber den Online-Shopanbietern mehr und mehr schwindet. "Man erkennt dort mittlerweile ein großes Wachstumspotenzial. Es trägt zum Umsatz bei, wenn man die Teile direkt vom Hersteller kaufen kann, ohne dass ein Teil der Marge beim Handel verbleibt. Die Kundschaft, also die kleineren Werkstätten, nehmen dafür die etwas längere Lieferzeit in Kauf."

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