Instabile Karosserie und Brandgefahr


Datum:
23.10.2020
Autor:
Fabian Faehrmann
Lesezeit: 
10 min

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Aber es gibt noch viele weitere Vorurteile, die dem Elektromobil vorauseilen. Beispielsweise, dass die Karosserie viel instabiler sei als bei herkömmlichen Autos. Zu diesem Zweck klopfen wir bei der DEKRA Unfallforschung an. Hier werden seit 2012 E-Fahrzeuge absichtlich mit hoher Geschwindigkeit in Hindernisse gerammt, um zu sehen, wie sich die Schadensbilder gestalten. Markus Egelhaaf hat die Tests betreut und sagt: „Elektroautos sind genauso sicher wie herkömmliche Verbrennerfahrzeuge. Das ist das Ergebnis unserer Crashtests und der Erfahrungen aus dem Unfallgeschehen. Bei einem seitlichen Aufprall, beispielsweise auf einen Baum, ist ein E-Fahrzeug gegebenenfalls sogar etwas im Vorteil, weil durch die Batterie im Unterboden die Fahrzeugseite versteift ist. Dadurch ist die Eindringtiefe des Objektes etwas geringer als bei einem Benziner oder Diesel.“ Auch die Brandgefahr des Akkus wurde bei DEKRA untersucht – mit einem spannenden Ergebnis. Als man 2012 mit den Untersuchungen begonnen hatte, wollte man ein herkömmliches Elektrofahrzeug in Flammen setzen. „Am Ende ist uns das Auto komplett abgebrannt, bevor die Batterie gebrannt hat. Das zeigt, wie sicher das System dahinter ist“, urteilt Egelhaaf. Es müsse „sehr viel passieren, damit eine Fahrzeugbatterie anfängt zu brennen“. Dafür bräuchte es entweder ein Versagen des Lademanagements oder eine mechanische Beschädigung. Beides sei Dank des großen Forschungsaufwandes hinter der Technologie sehr unwahrscheinlich.

Und trotzdem gibt es Videos, die beweisen, dass Elektroautos durchaus in Flammen aufgehen können. Ob dabei immer die Batterie betroffen ist, ist eine andere Frage. Auch Kunststoffe brennen imposant. Und auch wenn Bauteile des Airbags verpuffen, kann das schon mal knallen. Übrigens ist es im Falle des Unfalls von Groß Kreutz auch noch nicht geklärt, ob die Batterie überhaupt gebrannt hat. Daran gibt es zumindest Zweifel seitens mehrerer Beteiligter vor Ort. Das Auto wurde unmittelbar nach dem Unfall von Audi abgeholt und seitdem eingehend untersucht. Man könne sich bis zur Klärung der Umstände und Hintergründe nicht weiter dazu äußern, erklärt ein Sprecher von Audi auf Anfrage.

Sollte es wirklich mal zum äußerst seltenen Fall eines Batteriebrandes kommen, ist Geduld gefragt. „Man braucht für Batteriebrände einfach mehr Löschwasser“ erklärt nochmals Frank Hüsch von der Landesfeuerwehr Baden Württemberg. „Das Problem ist, dass die Zellen eingehaust sind. Sie können sich das so vorstellen: Bei einem Haus brennt im Inneren der Dachstuhl und wir spritzen das Löschwasser nur oben auf die Dachziegel. Das braucht viel Wasser und viel Zeit. So ist das bei einem brennenden Akku auch.“ Mittlerweile gibt es auch schon Hilfsmittel, wie die sogenannte Löschlanze, die manuell in die Batterie gerammt wird und so das Wasser direkt in den Brandherd pumpt. Die ersten Erfahrungen bei DEKRA zeigen, dass das System zwar schnell wirkt, es aber noch einige Fragezeichen gibt. So gebe es noch versicherungsrechtliche Fragen, außerdem sei die Handhabung nicht immer einfach.

Eine Löschlanze, die in die Batterie hineingerammt werden kann und sie dann mit Wasser flutet
© Foto: DEKRA Unfallforschung

Die Hersteller wiederum sind nicht zwingend begeistert von diesem Hilfsmittel. Dr. Anton Müller ist leitender Emtwickler beim Hersteller MAN und rät dringend davon ab die Löschlanze zu verwenden. „Wir haben mehrere Tests mit unserem elektrischen Stadtbus gemacht, mit dem Ergebnis, dass es besser ist, die Batterie nur zu kühlen“, erklärt er. „Beim Fluten mit der Löschlanze kommt es in kurzer Zeit zu vielen Kurzschlüssen – die Energie muss dann irgendwo hin.“ Das heißt: Das Löschwasser verdampft augenblicklich – eine potenzielle Gefahr für die Einsatzkräfte. Müller selbst ist auch in der Entwicklung der elektrischen Architektur der Fahrzeuge tätig und erklärt, wie viel Sicherheit in einem Fahrzeugakku steckt: „Wir betreiben bei der Sicherheit der Batterien einen sehr großen Aufwand. Es gibt mehrere Systeme. Einer der Hauptpunkte ist eine Sicherung, die die Batterie vom Hauptnetz trennen kann. Kommt es zum Beispiel wegen eines Unfalls zu einem Kurzschluss, greifen die verschiedenen Systeme ein. Bei hoher Spannung schmilzt die Hauptsicherung – dann ist die Batterie schon vom Hauptnetz getrennt.“ Insgesamt schätzt Müller die Sicherheit eines E-Autos höher ein als die eines Verbrenners, da der Aufwand hinter den Schutzsystemen deutlich größer sei. Die Hersteller könnten es sich auch nicht leisten Fehler zu machen, da jeder Brand auf die Goldwaage gelegt werde.

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