Elektroauto im Winter – das gilt es zu beachten

Bei Frost sind Elektroautos etwas empfindlich
© Foto: picture alliance / SvenSimon | Frank Hoermann/SVEN SIMON

Fahrzeuge mit E-Antrieb brauchen in der kalten Jahreszeit besonders viel Umsicht – sonst kann es eine böse Überraschung bei der Reichweite geben.


Datum:
12.01.2022
Autor:
Fabian Faehrmann
Lesezeit: 
7 min

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Wie Diesel und Benziner auch, haben Elektroautos im Winter eine geringere Reichweite als in der warmen Jahreszeit. Der Grund ist physikalisch bedingt und wird sich somit nicht verhindern lassen. Dennoch kann Mann oder Frau beim E-Fahrzeug viel dazu beitragen, die Reichweite zu erhöhen und das Maximale rauszuholen.

Warum ist die Reichweite überhaupt geringer?

Um diese Frage zu beantworten, muss man ins Innere der Akkus schauen: Die elektrisch geladenen Teilchen wandern in einer speziellen Flüssigkeit zwischen Anode und Kathode hin und her. Bei Kälte wird diese Flüssigkeit zäher, was die Dynamik beeinträchtigt und unter Umständen die Spannung abfallen lässt. Handys beispielsweise schalten sich deshalb bei zu geringer Temperatur ab – Elektroautos fangen hingegen an, die Batterie zu beheizen.

Dieses Phänomen konnten wir bei unserem Dauertester, einem VW ID.3 gut beobachten: Diesen ließen wir in einer frostigen Nacht draußen stehen und starteten gut abgekühlt auf eine Testfahrt. In den ersten zehn Minuten lag unser Stromverbrauch bei rekordverdächtigen 90 kWh/100 Kilometern, danach fiel der Wert wieder deutlich ab. Nicht zuletzt will es ja auch der Fahrer angenehm warm haben. Da das Elektrosystem aber kaum Abwärme erzeugt, muss in unserem Fall eine Wärmepumpe herhalten, die zwar nicht so viel Strom braucht wie eine Hochvoltheizung, aber natürlich auch Energie benötigt. Grundlegend ist der Strombedarf für das Erwärmen des Gesamtsystems von Hersteller zu Hersteller verschieden.

Was viel Einfluss kann der Fahrer nehmen?

Sehr viel. „In den Wintermonaten ist es ideal, wenn Sie planen, wann Sie Ihr Auto aufladen müssen“ empfiehlt zum Beispiel der Ladesäulenhersteller Heliox. „Wenn Sie früh zur Arbeit fahren und die Temperaturen unter 4 Grad sinken, sollten Sie das Laden über Nacht so einstellen, dass sie kurz vor Ihrer Abreise abgeschlossen ist.“

Im Falle des ID.3 ist das über die Ladeorte-Funktion möglich. Praktisch: Hier kann das Auto auch gleich beheizt werden, wenn es noch an der Wallbox hängt. Dadurch wird zwar auch Strom verbraucht, allerdings nicht auf Kosten der Reichweite. Dafür sind Batterie und Innenraum vor der Fahrt vorgewärmt. Noch besser und energiesparender ist, wenn Sie das Auto über Nacht in einer Garage abstellen können.

Während der Fahrt empfiehlt es sich, wenn nötig die Sitz- und Lenkradheizung zu nutzen. Auch auf die Scheiben- und Spiegelheizung kann man unter Umständen verzichten, wenn man vorher gründlich Eis und Schnee entfernt.

Die Sitzheizung braucht nicht so viel Strom wie eine Hochvoltheizung
© Foto: picture alliance / dpa-tmn | Christin Klose

Auswirkungen der Kälte auf die Fahreigenschaften

Ein Elektroauto verhält sich im Winter auch etwas anders, als ein Verbrenner. Zum Beispiel kann ein kalter Akku nicht sofort 100 Prozent der Energie bereitstellen, was auf Kosten der Beschleunigung geht. „Das kann im Winter jedoch sogar von Vorteil sein“, sagt der TÜV Süd. Denn aufgrund des hohen Drehmoments und trotz ESP sei so die Gefahr von durchdrehenden Reifen minimiert. Apropos: Im Sommer sind Elektroautos idealerweise mit abrollwiderstandsoptimierten Reifen unterwegs, welche es für den Winter nicht gibt. Auch deshalb dürfte die Reichweite zur kalten Jahreszeit etwas geringer ausfallen.

Auch die Rekuperation funktioniert bei kaltem Akku nicht so gut, wie bei warmen Aussentemperaturen. Grund ist hier wieder die verringerte Dynamik innerhalb der Batteriezellen. Folglich kann auch beim Laden an Wallboxen oder Schnellladern nicht so viel Strom aufgenommen werden, was die Standdauer verlängert. Auch die Ladestationen selbst sollten laut Heliox bei möglichst konstanter Temperatur gehalten werden, um ordnungsgemäß zu funktionieren. Große Schnelllader werden deshalb entweder gekühlt, wenn es zu heiß ist, oder umgekehrt. Sie liefern dann zwar die gleiche Leistung wie gewohnt, verbrauchen aber insgesamt mehr Energie.

Optimaler Ablauf

Zusammengefasst erläutern wir den optimalen Ablauf anhand eines Beispiels: Sie wollen um 7 Uhr zur Arbeit aufbrechen und müssen das Auto in der Kälte stehen lassen. Demzufolge richten Sie das Lademanagement im Fahrzeug so aus, dass es um diese Zeit vollgeladen und vor allem vorgeheizt (=klimatisiert) ist. Zudem empfiehlt der Ladesäulenanbieter Heliox auch Schnee und Eis penibel zu entfernen, um die Aerodynamik zu optimieren und wie bereits erwähnt nicht die Scheibenheizung verwenden zu müssen.

Insgesamt schätzen Experten, dass Elektroautos, je nach äußeren Umständen und Hersteller, im Winter zwischen 20 und 30 Prozent weniger Reichweite zur Verfügung haben dürften, als im Sommer. Dieser Wert kann durch sorgsame Vorbereitung und umsichtiges Fahren verringert werden. Dennoch sollte man deshalb als Faustregel auch 20 bis 30 Prozent mehr Zeit einplanen – vor allem, wenn zwischendurch Ladestopps anstehen.

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